„Kritische Schüler_Innen“

Hunderte Schüler versammelten sich zur Schulstreik-Demo in Wien. Sie demonstrierten gegen die Maturaregeln und forderten: „Weg vom Leistungsdruck“. Das klingt originell – in Zeiten, in denen unser Land verzweifelt gegen den Abstieg kämpft.

Rund 300 Schüler folgten dem Aufruf der SPÖ-nahen „Aktion kritischer Schüler _Innen“, um gegen die Maturaregeln zu demonstrieren. Sie riefen zum Schulstreik auf. Die Schüler forderten pandemiebedingt eine Matura mit bloß freiwilliger mündlicher Prüfung. Das Motto der Demonstranten lautete: „Weg vom Leistungsdruck“.

Das erinnert an Gabriele Heinisch-Hosek, ehemals SPÖ-Unterrichtsministerin. Sie wollte Schulen „ohne Noten – ohne Schultasche – ohne Sitzenbleiben“. 

Dazu muss man wissen: Österreichs Reichtum besteht nur zu einem Prozent aus Rohstoffen. Wir sind auf Erfindergeist, Tüchtigkeit und Können künftiger Generationen angewiesen. Unser Schulsystem wurde bereits systematisch ruiniert. Es kann nicht einmal mehr garantieren, dass viele Schüler nach einem Schuljahr nicht dümmer geworden sind. Zum Ländervergleich: In Österreich können rund 30% aller 15-Jährigen nach 9 Jahren Schule nicht wirklich lesen, schreiben oder rechnen. In Tunesien sind es 25%, in Ruanda 27% und in Dschibuti 29%. Schlimmer als bei uns ist die Analphabetenrate unter Jugendlichen nur noch in Eritrea (35%), Osttimor (41%), Burundi (42%) und Burkina Faso (71%).

Schon vor der Corona mussten die Anforderungen bei der Mathematik-Matura abgesenkt werden, damit nicht wieder ganze Schulklassen geschlossen durchfallen. Prof. Peter-Andre Alt, Präsident der deutschen Hochschulrektoren, fasste das Desaster so zusammen: In Mathematik fehlen Studienanfängern viel zu oft die Grundkenntnisse. Studenten haben Probleme beim Lesen und Schreiben längerer Texte. Viele können sich nicht konzentrieren. Die Studierfähigkeit zahlreicher Maturanten ist nicht gegeben!

Im Klartext: Jeder zweite österreichische Maturant bricht sein Hochschulstudium ab.  Schüler sollten nicht darüber diskutieren, wie sie vom Leistungsdruck wegkommen, sondern frühzeitig lernen, Leistungsdruck zu bewältigen.

Harald Martenstein brachte das Bildungsdesaster in seiner Kolumne für „Die Zeit“ mit dem Titel „Die Schulä fenkt an“ auf den Punkt: „Offenbar steuern wir auf eine Gesellschaft ohne Erfolgsdruck, ohne ehrliche Antworten und ohne Rechtschreibung zu. Damit komme ich klar, sofern man wenigstens ein paar Sonderschulen einrichtet, für Leute, die später mal Pilot, Lokführer oder Arzt werden. Da hätte ich es gerne, wenn die sich früh daran gewöhnt haben, unter Erfolgsdruck zu arbeiten. Man soll aber auch ein paar Piloten, Lokführer und Ärzte zulassen, die ohne Erfolgsdruck und mit viel Freude die „Rächtschraibung“ erlernt haben. In diesen Flugzeugen und Zügen müssen dann die deutschen Bildungsreformer reisen. Wenn aber das Flugzeug in Turbulenzen gerät, und die Bildungsreformer kriegen Angst, dann dürfen ihnen die Stewardessen auf ihre Fragen immer nur ausweichend antworten. Stürzt das Flugzeug ab, dann soll der Pilot sich kurz in der Tür zeigen und sagen: Der Flug ist nicht perfekt verlaufen. Aber ich war mit viel Freude bei der Sache“.