„Es ist alles sehr kompliziert“

Bundeskanzler Christian Kern hielt letzten Samstag anlässlich seiner Wahl zum SPÖ-Parteichef eine 80-minütige Grundsatzrede. Zu den drängenden politischen Problemen wie Brexit und Flüchtlinge rief er den Funktionären zu: “Einfache Antworten werden nicht funktionieren“. Es gab tosenden Applaus. Warum eigentlich? Was ist falsch an einer einfachen Antwort?

Aus dem Medien- und Polit-Establishment hört man immer öfter den Satz, man solle nicht denjenigen glauben, die auf unsere Probleme einfache Antworten haben. Das wären Populisten. Warum aber sollen einfache Antworten automatisch falsch sein? Wenn mich jemand fragt, wieviel 2 + 2 ist und ich antworte darauf: „4“, so ist das eine einfache Antwort, die richtig ist. Ich könnte auch behaupten, das wäre ein schwieriges mathematisches Problem und die Lösung lautet – falls überhaupt – etwa „e^(-0,0025x)=(2894-y)/259y |ln“. Das wäre dann eine komplizierte Antwort, die falsch ist.

Das Genie Albert Einstein sagte einmal: „Wenn Du es einem Sechsjährigen nicht erklären kannst, dann hast Du es selbst nicht verstanden“. Es gibt also immer eine einfache Antwort, die richtig ist. Was daran im schlechtesten Sinne des Wortes „populistisch“ sein soll, konnte mir noch keiner erklären.

Und dass die Behauptung, „einfache Antworten würden nicht funktionieren“, gerade in der Flüchtlingskrise falsch ist, zeigt die Schließung der Balkanroute: Seit die Grenzen im Süden dicht sind, kommen keine Neuankömmlinge mehr an. Das kann man für verwerflich halten, es funktioniert aber trotzdem. Und würde man die EU-Außengrenzen endlich sichern und die Menschen nicht auf das Festland weiterreisen lassen, sondern – wie Australien – in Asylzentren unterbringen, dann hätte man das derzeitige Chaos auch gelöst und den Menschenschleppern die Geschäftsgrundlage entzogen. Das massenhafte Ertrinken von Flüchtlingen im Meer wäre ebenfalls gestoppt.

Die Wahrheit ist, dass etablierte Politiker einfache Antworten nicht gerne hören. Nicht, weil diese falsch sind, sondern weil Besitzstandswahrer aller Couleurs davon leben, uns die herrschenden Zustände als „sehr kompliziert“ darzustellen. Das ist es ein Herrschaftsmittel: Die Bürger sollen glauben, dass sie die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen oder politischen Zustände nicht so einfach ändern können.

„Alles ist einfacher, als man denken kann“, sagte der große Goethe. Er meinte damit: Das Gegenteil vom Einfachen ist nicht das Komplizierte, sondern das Falsche.

In diesem Sinn unvergessen bleibt der Satz des glücklosen österreichischen Bundeskanzlers Fred Sinowatz aus seiner Regierungserklärung von 1983. Zu den Herausforderungen der kommenden Jahre stellte er sichtlich bekümmert fest: „Es ist alles sehr kompliziert“.  Ich denke, er empfand es wirklich so.

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