Das Denkverbot

Man sollte sich niemals politisch-korrekten Denkverboten unterwerfen. Das zeigt der Verlauf der Flüchtlingsdebatte ganz deutlich.

Als vor einigen Monaten Außenminister Sebastian Kurz in der Flüchtlingskrise „das Australische Modell“ vorschlug – also, das Abfangen der Schlepperboote im Mittelmeer, die Unterbringung der Migranten außerhalb des Festlandes bis zur Klärung der Fluchtursache und die Rückführung illegaler Einwanderer –, bekam er so einiges zu hören. Die Wiener Stadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) etwa zog Vergleiche zu Internierungslagern und Verfolgten in der Nazi-Zeit. Die Vorsitzende der Sozialistischen Jugend, Julia Herr, forderte, Kurz solle „sich zusammenreißen“ und aufhören, Gefallen an „schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen“ zu finden. Das Australische Modell sei „an Unmenschlichkeit kaum zu überbieten“. Die Organisation SOS Mitmensch ließ ausrichten, der Plan von Kurz sei „undurchdacht, unmenschlich und zynisch“. „Das Vorgehen Australiens ist kein Modell für uns“, lautete die Antwort aus Brüssel. Auch aus Deutschland kam Ablehnung. Und das Büro des UNO-Hochkommissars für Flüchtlinge äußerte sich ähnlich übertrieben moralisierend.

In Wahrheit hatte Außenminister Kurz das einzig Vernünftige gesagt: In Afrika sitzen 400 Millionen Menschen auf gepackten Koffern. Nur schon diesen Oktober kamen 28.000 Menschen mit Schlepperbooten über das Mittelmeer und stellten Asylanträge auf dem europäischen Festland. Die meisten von ihnen versuchen jetzt gerade, nach Deutschland, Schweden oder Österreich weiterzureisen. Während wir im Chaos versinken, ist es Australien gelungen, die illegale Einwanderung auf null zu reduzieren. Und übrigens auch in den USA werden Asylsuchende bestimmter Nationalitäten zwangsweise interniert (wogegen der UNO-Hochkommissar für Flüchtlinge interessanterweise nichts einzuwenden hat. Aber die Hand, die einen füttert, beißt man besser nicht.)

Seit letzter Woche fordert auch Deutschland, „die im Mittelmeer geretteten Migranten möglichst direkt nach Afrika zurückzuschicken“. Asylanträge sollen nicht in Europa, sondern auf afrikanischem Boden gestellt werden. Erst wenn diese erfolgreich sind, ist eine Weiterreise auf das europäische Festland gestattet. Mit einem Wort: Das offizielle, politisch-korrekte „Wir schaffen das“ Deutschland fordert das Australische Modell. Schon bald wird die EU so ihre Außengrenze auf See sichern. Und sehr bald wird jeder immer schon für dieses Modell gewesen sein.

Der schräge Verlauf der Debatte zeigt, dass man sich nie politisch-korrekten Denkverboten unterwerfen sollte: Wer in der früheren Sowjetunion für die Privatisierung des Gurkenhandels eintrat, wurde als Faschist diffamiert. Wer in Texas gegen die Todesstrafe demonstriert, gilt als Linksextremer. Und wer zu Beginn der Flüchtlingskrise nicht am Bahnhof „Willkommen“ rief und Beifall klatschte, war ein rechter Hetzer. Wer es heute noch tut, handelt gegen die Regierungslinie der SPÖ, die eine Asyl-Obergrenze mitbeschlossen hat.

In Wahrheit braucht man im Leben zwei Eigenschaften: einen gesunden Menschenverstand und den Mut, zur eigenen Meinung zu stehen. Keinesfalls sollte man die politische Korrektheit bestimmen lassen, was man sagen oder denken soll. Das meinte der große Schiller als er einen Helden seines Dramas „Don Karlos“ dem König zurufen ließ: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“

Download Artikel Krone Bunt vom 13.11.2016

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