Das Ende einer Illusion

Die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Moschee ist der vorläufige Schlusspunkt einer verhängnisvollen Entwicklung vor den Toren Europas: der Autokratisierung und Re-Islamisierung der Türkei.

Dieses Zitat von Recep Erdogan ist bekannt: „Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten.“

Weniger bekannt ist, dass Präsident Erdogan für dieses Zitat – damals noch als Oppositionspolitiker – ins Gefängnis wanderte. Die Partei, der er angehörte, wurde vom Verfassungsgericht verboten. Das war die alte Türkei. Da wurde ein Offizier aus der Armee ausgeschlossen, weil seine Frau Kopftuch trug. Heute ist es anders.

Präsident Erdogan hat die Umwandlung der ehemals christlichen Kathedrale Hagia Sophia in eine Moschee angeordnet. Das Oberste Verwaltungsgericht der Türkei hatte zuvor den jahrzehntelang geltenden Museumsstatus des Gebäudes aufgehoben. Am muslimischen Freitagsgebet in der Hagia Sophia nahm neben Tausenden Gläubigen Präsident Erdogan teil.

Selbst die glühendsten Befürworter eines EU-Beitritts der Türkei verstummen nun. Denn die Umwandlung der Hagia Sophia in eine Mosche ist der vorläufige Schlusspunkt einer gefährlichen Entwicklung: Man denke an türkische Drohungen gegenüber dem Westen, die Säuberungen in der Armee, die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit, 125.000 entlassene Beamte, Richter und Staatsanwälte, den mit Haft sanktionierten Straftatbestand „Beleidigung des Türkentums“, 15.000 Beschwerden vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte, den Anstieg der Alkoholsteuer um 700% (um das für Muslime geltende Alkoholverbot faktisch zu erzwingen), die Unregelmäßigkeiten bei Wahlen, die Machterweiterung des Präsidenten, die Leugnung der Evolutionstheorie, das Umschreiben von Schulbüchern und die Wiedereinführung des Kopftuches an türkischen Universitäten. Erst unlängst prangten Werbetafeln an Busstationen in der Millionenstadt Konya mit der Aufschrift: „Nehmt euch die Juden und Christen nicht zu Freunden“.

Es ist höchste Zeit, sich einigen Wahrheiten zu stellen: Die Türkei war immer ein islamisches Land. Die Tarikat, der „Volksislam“, ist stark verwurzelt. Die westliche Orientierung der Türkei gibt es erst seit 1923. Diese „Verwestlichung“ fußte nicht auf Aufklärung, sondern auf der Macht der Armee. Es waren Militärs und Kemal Atatürks eiserne Faust, die den „Kemalismus“, also die laizistische Grundordnung des Landes, garantierten. Doch die Armee wird seit Monaten gesäubert, um die Re-Islamisierung des NATO-Staates Türkei voranzutreiben.

Hinzu kommt, dass der türkische Nationalismus ausgesprochen stark ist. Die Türken sind Erben des osmanischen Großreiches. Mit dem Ende der Verwestlichung kommt es zur Identifizierung des türkischen Nationalstolzes mit dem wiedererstarkenden Islam. Auch im osmanischen Reich war der „Sultan“ (Herrscher) zugleich „Kalif“ (religiöser Führer). In diese Kerbe schlägt Präsident Erdogan, indem er die Hagia Sophia in eine Mosche umwandelt.

Vielleicht waren es historische  Überlegungen, die den ehemaligen deutschen Bundeskanzler Helmut Kohl, der sogar eine türkische Schwiegertochter hatte, zu folgendem Satz veranlassten: „In meinem Schulbuch gehörte die Türkei zu Asien.“

 

EMPFEHLEN