Die Verkleinerungsform

Die Uni Wien hat bekanntlich eine Leitlinie zur Gender-Sprache verfasst. Statt „Studenten“ heißt es dort nun „Studierend*“ oder „Studierende*r“. Das ist kompliziert. Warum sagen wir nicht einfach „Studentlein“?

Die Wiener Universität hat vor wenigen Wochen die Leitlinie „Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch“ herausgegeben. Zeugnisse, Prüfungsbögen, E-Mails, Postaussendungen und Webseiten: Alles soll umgeschrieben und geschlechtsneutral formuliert werden. Denn „es bestehe die Gefahr, Menschen einem Geschlecht falsch zuzuordnen“. Schließlich wolle man anerkennen, dass es „mehr als zwei Geschlechter gibt und Geschlechtsidentitäten, geschlechtliche Ausdrucksweisen und Körper vielfältig sind.“

Wörter wie „Studentinnen und Studenten“ sind abgeschafft. Es heißt nun „Student*innen“. Im Schriftverkehr lautet die Anrede nicht mehr „Liebe Studentinnen und Studenten“, sondern „Lieb* Studierend*“ oder „Liebe*r Studierende*r“. Es gibt sogar Regeln für geschlechtergerechtes Sprechen. Der „Genderstern *“ soll laut Leitlinie als kurze Pause gesprochen werden. Demzufolge stottert man an der Uni Wien: „Student…innen“ oder „Liebe…r Studierende…r“.

Das ist alles sehr kompliziert. Texte werden unverständlich. Die skurrilen Wortschöpfungen lassen sich kaum aussprechen. Warum verwenden wir nicht einfach die Verkleinerungsform? Man könnte doch „Professörchen“, „Studentlein“ oder „Kanzlerchen“ sagen!

„Die Verkleinerungsformen auf „-chen“ haben dann allesamt sächliches Geschlecht, sind also neutral“, schreibt Prof. Bernd Steinbrink in seinem Artikel „Genderneutrale Verzwergung: Mönchlein, Professörchen, Kanzlerchen“.

So könnte man die Genderdebatte versachlichen, indem man sie versächlicht („das“ Studentlein).

Die Verkleinerungsform hat im Deutschen übrigens Tradition. Schon Martin Luther soll am Reichstag zu Worms zugerufen worden sein: „Mönchlein, Mönchlein du gehst einen schweren Gang“. Warum also soll an der Uni Wien „das Professörchen“ nicht auch rufen: „Studentlein, Studentlein das wird ein schweres Semester!“

Die absurd-heitere Debatte hat einen ernsten Hintergrund. Unsere Sprache ist zum Kampfplatz geworden. Man will uns „von oben herab“ mit verordneten Sprachregeln erziehen. Deutsch ist die Sprache der Dichter und Denker. Niemand hat das Recht, in sie einzugreifen und mit Binnen-I, Schrägstrichen, Unterstrichen oder Sternchen ins Lächerliche zu verändern. Je dümmlicher eine Sprache wird, desto dümmlicher werden die Gedanken und Ideen der Menschen. Claudia Wirz schrieb hierzu in der Neuen Zürcher Zeitung: „Die Sprache gehört nicht dem Staat, sie gehört allen. Etwas mehr ziviler Ungehorsam gegenüber den gröbsten Auswüchsen des amtlichen Tugenddiktats könnte nicht schaden.“

Der große Schriftsteller Hans Magnus Enzenberger wurde in seinem Artikel „An unsere Vormünder“ noch deutlicher: „Wer sich als Herrscher über die Sprache aufspielt, hat nicht begriffen, dass es sich um das einzige Medium handelt, in dem die Demokratie schon immer geherrscht hat. Was eine Sprachgemeinschaft akzeptiert und was sie ablehnt, darüber entscheiden Millionen…Politisch bemerkenswert ist jedoch die Unbelehrbarkeit der ministerialen Ignoranten und die Feigheit derer, die ihnen auf die servilste Art und Weise gehorchen.“

 

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