„Betreutes Sprechen“

Die Universität Wien hat eine Leitlinie über geschlechtergerechte Sprache verfasst. Der Inhalt wirkt stellenweise wie Selbstparodie. Statt „Liebe Studenten“ heißt es nun „Lieb* Studierend*“ oder Liebe*r Studierende*r“. Damit man den „Genderstern*“ heraushört, sollte man beim Sprechen kurze Pausen machen. Man sagt demnach „Liebe…r Studierende…r“.

Die Wiener Universität hat zum Thema „Geschlechterinklusiver Sprachgebrauch“ neue Leitlinien herausgegeben. Alle Studiendokumente wie Zeugnisse, Zertifikate oder Prüfungsbögen, E-Mails, Postaussendungen und Webseiten sollen angepasst werden. So will man anerkennen, dass es „mehr als zwei Geschlechter gib und Geschlechtsidentitäten, geschlechtliche Ausdrucksweisen und Körper vielfältig sind.“ Ab sofort wird geschlechtsneutral formuliert. Denn „es besteht die Gefahr, Menschen einem Geschlecht falsch zuzuordnen“, heißt es in der Leitlinie.

Formulierungen wie „Studentinnen und Studenten“ sind abgeschafft. Es heißt es nun „Student*innen“. Im Briefverkehr lautet die Anrede „Lieb* Studierend*“ oder „Liebe*r Studierende*r“. Der „Genderstern*“ wird laut Leitlinie beim Sprechen als kurze Pause gesprochen. Demzufolge sagt man nun: „Student…innen“ oder „Liebe…r Studierende…r“.

Hier irrt sich die Uni Wien gewaltig. Nur weil es im Deutschen „der Student“ heißt, ist nicht automatisch von einem Mann die Rede. Der Begriff ist eine reine Funktionsbezeichnung. Jemand der studiert, wird zum Studenten. Das Wort bezieht sich auf kein Geschlecht! „Der“ Käse ist ja auch kein Mann, „die“ Milch ist nicht weiblich und „das“ Mädchen nicht sächlich. Oder, um es semantisch-unhygienisch mit Rapperin Lady Bitch Ray zu sagen: Student ist kein „schwanzdominantes“ Wort!

Es ist auch niemanden geholfen, wenn man durch stockende Aussprache zur politisch-korrekten Selbstparodie wird. Ein Vortragender muss „Liebe…r Studierende…r“ stottern, damit alle Studenten kapieren, dass man soeben „Liebe*r Studierende*r“ und nicht „Lieber Studierender“ (= männlich, sexistisch) gesagt hat.

In einem Punkt aber sind die Leitlinien der Uni Wien großzügig: In der „persönlichen Kommunikation mit persönlich bekannten Personen“ soll man weiterhin etwa „Sehr geehrte Frau Professorin“ sagen dürfen.

Hier irrt die Wiener Universität erneut. Im Deutschen heißt es entweder „Frau Professor“ oder „Professorin“, keinesfalls aber „Frau Professorin“. Das ist ein schwerer und für eine geisteswissenschaftliche Institution äußerst peinlicher Fehler. „Professor*in“ lässt sich ohnehin kaum aussprechen. Die Uni Wien könnte daher dem ironischen Vorschlag von Harald Martenstein folgen und stattdessen für alle Geschlechter das Wort „Prosecco“ verwenden: „Prosecco für angewandte Theorie, Medizinprosecco, Prosecco honoris causa“.

Die Liste der Unzulänglichkeiten ließe sich fortführen, aber es läuft immer auf dasselbe hinaus: Es kommt zur Politisierung und Sexualisierung unserer Lebenswelt. Die Sprache wird zum Kampfplatz und von oben herab verordnet, ohne Rücksicht auf Verständlichkeit, Schönheit oder Lesbarkeit. Der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck kritisierte dieses „Neusprech“ als „betreutes Sprechen“.

Und wohin das führen kann, zeigte sich im Gemeinderat der Stadt Zürich. In einem Akt von zivilem Ungehorsam begrüßte ein Redner alle Anwesenden mit: „Liebe Mitglieder und Mitvaginas!“

 

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